Wenn man anfängt, die eigene Jugend pädagogisch zu betrachten

Wie oft saß man da am PC, enthusiastisch und voller Vorfreude darüber, dass wildfremde Menschen den ersten Post eines Blogs lesen werden, der in nur kurzer Zeit eine Menge Leser findet und sowieso hochinteressant ist, weil er ja so tiefsinnig und aus dem Leben geschrieben ist! Man schreibt den ersten Post, ein paar Tage später den zweiten, beide natürlich vollgestopft mit Sinnbildern, philosophischen Denkansätzen und sowieso totaler Dramatik. Und irgendwie sitzt man dann beim dritten Mal vor der Tastatur, schreibt ein paar Sätze, denkt zurück und bemerkt, dass man eigentlich gar nicht mehr so richtig weiß, was man schreiben soll. Man hat mit vollster Einsatzbereitschaft sämtliche tiefsinnigen Inhalts des bisher zugegeben kurzen Lebens in zwei Posts in einem Blog geschrieben, den man fortan nicht mehr anrührt, weil man darauf wartet, dass etwas so spannendes im Leben passiert oder dass man plötzlich einen derart einschlagenden Gedankenblitz hat, dass man damit dann hoffentlich den Blog füllen und wildfremde Menschen dazu animieren kann, ihn zu lesen, obwohl man ihn in ein paar Monaten dann doch wieder vergisst.

Ich glaube, das Ganze hab ich jetzt schon drei- oder viermal gemacht, immer dem selben Schema folgend. Natürlich immer auf verschiedenen Seiten, weil eigentlich war es ja eh der Anbieter der Seite, der es nicht schaffte, meine nach Tiefsinn hungernden Seele mit den richtigen Seiteninhalten zu füttern. Das erste Mal war so mit 14, ein Alter, in dem ich vor pupertierenden Ideen nur so strotzte. Da habe ich auch meine erste Zigarette geraucht, selbstverständlich zusammen mit meiner besten Freundin. Der Erste Kontakt mit einer potentiellen Sucht, sie mir noch immer anlastet. Wie könnte es auch anders sein, wo doch unser gesamtes Umfeld, bis auf einige wenige Ausnahmen, sich diesem täglichen Genuss hingab. Dafür, dass ich es bis zu diesem Alter noch unendlich furchtbar und widerlich fand und für die Tatsache, dass meine Mutter in der Wohnung rauchte, regelmäßig zur Eskalation führte, wurde ich dann doch zu einer recht guten Raucherin. Die erste Zigarette auf Lunge war eine Situation, die man genau so, wie sie passierte in jedes Pädagogik-Buch schreiben könnte. Eine Vorzeigeanekdote zu Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung:

Ich war auf der Realschule und noch nie wirklich beliebt gewesen. Obwohl wir der allererste Jahrgang in dieser gerade neu gebauten Schule waren und ich somit keine älteren Schüler über mir hatte, bewirkte der Umstand, dass P. als einziger ehemaliger Klassenkammerad aus der Grundschule in der selben Klasse landete, dass ich fortan das Allgemeinventil sämtlichen jugendlichen Frustes wurde. Ich wurde ausgelacht; beschimpft; man hat mir Frischkäse von hinten in die Haare geschmiert; wenn ich hinfiel, warf man mir Pfennigstücke vor die Füße und rief „Tanz, los tanz“; und wenn ich etwas Falsches oder Dummes gesagt hatte, trällerte die ganze Klasse in einvernehmlich-genervtem Chor meinen Namen, so wie eine Mutter „Oooch Tanja, das habe ich dir doch schon tausend mal erklärt“ sagen würde, was irgendwann, vermutlich aufgrund des sich langsam entwickelnden Running-Gag-Charakters, auch die Lehrer veranlasste, sich zumindest das Grinsen verkneifen zu müssen.
Irgendwann hatten wir eine neue Schülerin. C. war hübsch und intelligent, wobei die meisten letzteres eher weniger interessierte als der Umstand, dass sie sehr kess wirkte und eh einen Scheiß drauf gab was die anderen von ihr dachten. Viel mehr waren die anderen interessiert, was sie von ihnen dachte und so auch ich. Ich machte mir keine großen Hoffnungen, sie beeindrucken zu können oder gar eine Freundin in ihr zu finden, was übrigens auch nie geschah, doch ich versuchte es trotzdem und überraschenderweise war sie immer nett zu mir und bedachte mich nicht mit diesem herablassenden Blick wie die anderen. An einem Tag standen wir zusammen mit ein paar Anderen aus den anderen Klassen draußen und warteten auf den Bus, als sie mir eine Zigarette anbot. Ich nahm sie und natürlich wollte ich mir nicht die Blöße geben, dass ich nur paffte, also zündete ich mir die Kippe an und zog daran. Als ich den Rauch einatmete, schossen mir die Tränen in die Augen und ich hätte am liebsten losgekotzt, aber das konnte ich nicht zulassen, nicht mal ein Huster durfte mir über die Lippen kommen, also hab ichs mir verkniffen, geschluckt, ausgepustet und mich gebückt, so getan als wäre mir was runtergefallen um einmal kurz röcheln zu können und weitergeraucht. Danach gings so einigermaßen mit der Qualmerei und ich glaube bis heute, dass ich es zumindest vor einigen der anderen Jugendlichen in der Gruppe hatte verstecken können.
Als ich 15 wurde, war ich schon fast eine vollwertige Raucherin, bis auf die Tatsache, dass meine Mutter es in ihrem Versuch mich davor zu schützen natürlich nicht gestattete. Klar habe ich heimlich geraucht und dabei hat sie mich auch zweimal erwischt, aber zugegeben wegen meiner eigenen Blödheit: Ich hatte den Kippenstummel im Waschbecken liegen lassen. Das zweite Mal war im Urlaub, das selbe Spiel. In diesem Urlaub gab es auch die Schlüsselsituation, die mich dann zum Raucher machte: ich hatte das erste Mal im Leben richtig Schmacht. Nach dem Waschbeckenpatzer konnte ich mir natürlich keine weitere Zigarette mehr leisten, zumal meine Mutter mir die Schachtel abgenommen hatte. Wir saßen also Abends auf der Terrasse eines Restaurants und nach dem Essen wurde ich zunehmend nervös. Meine Mutter bemerkte das selbstverständlich und irgendwann schob sie mir die Schachtel rüber: „Du rauchst doch eh, da kann ichs verbieten wie ich will,“ hat sie sinngemäß gesagt und an dem Tag war der Nichtraucherzug dann endgültig abgefahren.

So viel zur Entwicklung meiner ersten Sucht, die harmloseste bis jetzt, wenn ich ehrlich bin und auch bei weitem nicht die Spannendste. Wie meine Mutter immer sagt: „Warum rauche ich eigentlich? Bringt doch eh nichts – von Gras wird man zumindest high.“

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2 Gedanken zu “Wenn man anfängt, die eigene Jugend pädagogisch zu betrachten

    • Haha, glaub mir ich freu mich genau so wie du über jeden Follower 😀
      Und ja, ich glaub die Nikotinsucht ist so ziemlich die einzige Sucht, die ich wirklich bereue…

      Gefällt mir

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