Lang, lang ist’s her

Seit ich Sport mache, bin ich zumindest ein Stück weit zufriedener mit mir selbst. Und das nicht unbedingt weil ich jetzt sagen kann „heute geht nicht, ich gehe trainieren“ oder weil man mir sagt dass ich abgenommen hätte. Obwohl natürlich auch Fremdreaktionen durchaus bestätigend wirken, geht es mir bei dieser Aussage mehr um meine Sicht auf mich selbst. Ich versuche die größten Giftquellen zu vermeiden (sieht man mal von Zigaretten, Amphetamin und Extasy ab. Und ja, mir ist bewusst wie heuchlerisch das klingt. Verklag mich halt. Niemand ist perfekt.), z.B. Nahrungsmittel mit Aspartam oder Deo mit Aluminiumchlorhydrat. Esse viel Obst, koche möglichst oft mit frischem Gemüse – habe mal gelesen, dass man frisches Obst immer vor den Kohlehydraten und den Fetten essen soll, da sonst die Gefahr besteht, dass das Obst auf dem zeitlich aufwendiger zu verarbeitenden Material gährt. Morgens viele, Abends wenige Kohlehydrate, jeden Morgen ne Avocado, wenn ich kann mache ich Sport. Das klappt mal gut, mal weniger gut. Aber wenn ich 60 – 90 Minuten im Studio bin, meine Muskeln beanspruche bis meine Füße mich nicht mehr tragen und ich meine Arme nicht mehr heben kann, wenn nach dem Laufband jeder Atemzug wie gasförmige Säure in meinen Lungen ist und meine Haare sich wegen dem Schweiß kräuseln und wenn ich es dann auch moch schaffe, Abends nur Salat mit Hähnchenbrust zu essen, steigert das den Selbstwert ungemein. Ich weiß genau, ich habe meinem Körper etwas Gutes getan, das auch noch messbar ist! Mit der Zeit spüre ich es. Ich habe viel weniger Rückenschmerzen. Ich rauche weniger. Das Treppensteigen fällt mir leichter. Und zwei tage lang Muskelkater, der einem signalisiert, dass die Muskeln arbeiten und Fett verbrannt haben, ist sehr befriedigend.

Aber nicht die letzten Tage. Das letzte Mal im Studio war ich vor 6 Tagen. Normalerweise gehen wir alle 2-3 Tage. Aber diesmal hatten wir keine Kraft dazu. Wo soll man die auch her nehmen, ich hatte Ende der Woche Spätschichten bis 20:00, komme hungrig nach Hause und will nur noch schlafen. Außerdem waren wir am Freitag feiern. Das erste Mal wieder seit 3 Monaten. Seit Silvester also habe ich, bis auf einen kleinen Ausrutscher, keine Chemie zu mir genommen. Bei M. sind es etwas über 4 Wochen. Ein guter Schnitt, wenn ich auf die letzten anderthalb Jahre zurückblicke, in denen er niemals länger als 2 Wochen nüchtern war.
Wir haben uns also nach der Arbeit entschieden (zugegeben, die Münze hat entschieden, weil mein schizophrenes Hirn weder nicht feiern wollte, noch feiern gehn und Samstag arbeiten – ein Teufelskreis, immer durchwachsen mit „ja aber“). Wir fuhren mit der Bahn in einen Club, den man meiner Meinung nach nicht Club nennen kann. Es sei denn, man möchte ein großes Gelände voller Skulpturen aus Schrott, ausgebrannten Autos, Europallettenstapel zum sitzen und einem sehr wandlungsfähigen einstöckigen Gebäude aus Stein und Holz als „Club“ bezeichnen.
Zu Hause vorgeglüht, das heißt er ne Nase Pep, ich ne Nase kleingehacktes Extasy – hatten wir noch übrig und in unserer abstinenten Zeit nicht angerührt, was mich zugegebenermaßen schon stolz macht. Um halb elf dann los. Zwei Bahnen verpasst, weil Mister Drauf es nicht auf die Kette gekriegt hat, zur vereinbarten Zeit loszugehen, schließlich musste unbedingt noch aufgeräumt und gestaubsaugt werden.
Schließlich kamen wir an, zahlten 10€ Eintritt und waren mitunter die Ersten, es war ziemlich leer. Hinterm Eingang direkt der Techno-Floor, rechts rum durch einen leeren Zwischenraum und rein ins Goaland. Noch niemand da, der nach Goa aussah. Will heißen, noch keine Haremshosen, Knicklichter, hochgesteckte Dreadlocks und vor allem noch keine bekannten Gesichter zu sehen. Musik so laut, dass man sich kaum unterhalten konnte, dröhnender Bass, geil. M. und ich tanzten alleine, langsam füllte sich der Raum. Gegen 1:00 wurde ich langsam müde, hielt Ausschau nach jemandem, der so aussah als wäre er auf Extasy. Der ein oder andere sah auch so aus, aber man fragt ja nicht einfach wahllos irgendwelche Leute, zumal es in dem Laden durchaus Türsteher gibt, die so etwas früher oder später mitkriegen – bis hin dazu, dass man Gefahr läuft, genau so einen Türsteher unbekannterweise anzusprechen mit „Hey, weißt du wo ich Teile krieg?“
Wir gingen raus und rauchten eine, ein paar Meter weiter stand ein Grüppchen junger Männer, die drauf genug waren um keine Türsteher zu sein und obendrein gerade ihren Bestand an Konsumierbarem begutachteten. M. ging rüber, unterhielt sich kurz und kam wieder mit der Info, er habe 5 Teile für 30€ angeboten bekommen. Ich überlegte, schließlich hatten wir uns, als das Thema Party langsam manifest wurde, auf Regeln geeinigt, um zu gewährleisten, dass ich Samstag arbeiten gehen kann. Im Regelfall habe ich es nämlich nicht geschafft, zu arbeiten, wenn mein Körper von Drogen runterkam und meine Wahrnehmung vollkommen verschoben war. Um dafür zu garantieren (wobei „Garantie“ eigentlich glatt gelogen ist), haben wir beschlossen, dass ich darauf achte, möglichst viel zu trinken, ich habe mir Obst mitgenommen und gut gegessen bevor wir losgegangen sind. Wir haben eine Zeit ausgemacht zu der wir die Party verlassen, damit ich genug Zeit habe mich zu aklimatisieren. Außerdem gehörte dazu, dass wir jeweils höchstens 1 1/2 Teile nehmen und das möglichst früh, damit ich wieder runter bin wenn ich am nächsten Morgen um 9:00 in der Firma auftauche. Das Angebot von 5 für 30 stand dem also entgegen, zumal wir nicht genug Geld dabei hatten, also nahmen wir 4 für 25. Damit ging zwar der Preis etwas in die Höhe, aber wir liefen nicht Gefahr, doch getriggert zu werden viel mehr zu nehmen als abgemacht. M. fraß also wie immer direkt ein ganzes grünes Kleeblatt und ich ein halbes, weil ich die noch nicht kannte und in solchen Fällen lieber auf Nummer Sicher gehe. Nicht dass ich am Ende in der Ecke hänge und nicht mehr klar komme.
Es dauerte ungefähr eine Stunde, wir gingen tanzen, quatschten mit wildfremden Leuten und gingen irgendwann wieder raus, um frische Luft zu schnappen – so langsam fiellt mir auf, wie alles leichter wurde. Ein bisschen schwummrig, die Wahrnehmung leicht dumpf blickte ích zu M.
„Gehts bei dir auch schon los?“ – „Joa, so langsam merk ichs auch,“ nickte er zufrieden und wir rauchten eine. Ab dem Moment sind die Erinnerungen schwammig – oder zumindest das Zeitgefühl. Nicht, dass ich Blackouts habe wenn ich auf Extasy bin, aber die Zeit vergeht einfach anders und das macht sich im nachhinein in dem Gefühl bemerkbar, die Nacht sei kürzer gewesen als normal. Was Schwachsinn ist. Man könnte jetzt argumentieren, dass ja in dem Moment, in dem die Droge wirkt, man die verzerrte Zeit als Realität wahrnimmt und somit die Zeit wirklich schneller vergeht. Aber auch das ist Schwachsinn, ich bin mir der Wirkung des MDMA und seiner Begleitstoffe in der Pille durchaus bewusst und auch im nachhinein ist (oder wird) mir Klar, dass die Zeit ganz normal vergangen ist. Beispielsweise habe ich zwischendurch, vollkommen drauf und mit dem Drang, irgendwen vollzulabern, eine Freundin angerufen, mich in den Chillout-Bereich gesetzt und drauf losgelabert. Von neuen Entscheidungen, beispielsweise was meine Karriere angeht und so weiter geredet. Irgendwann kommt M. angestolpert, packt mich am Arm und zieht mich in Richtung Tanzfläche mit den Worten „Komm mit, das musst du dir anhören!“ – Gespräch abgewürgt. Wenig später haben wir nochmal kurz telefoniert. Am nächsten Tag war ich der festen Überzeugung, die halbe Nacht vertelefoniert und kaum getanzt zu haben, war fast schon ein wenig traurig darüber. DAS war Schwachsinn, was ich feststellte, als ich ins Anrufprotokoll geschaut habe. Das erste Gespräch dauerte knapp 16 Minuten, die Länge des zweiten ist nicht mal erwähnenswert.
Alles in allem waren die Pillen sehr gut. Kamen langsam, ganz smooth und subtil aber das Draufsein war dann sehr intensiv, Wellen der Euphorie wechselten sich mit Kribbeln im Nacken ab. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie lange genau so ne ganze Pille gewirkt hätte, da ich immer nur eine Hälfte auf einmal nachgelegt habe. Unterm Strich war auch die Party sehr geil. Wir haben 4 DJs gesehen, sehr viel getanzt, sodass einem der Schweiß in den Augen brannte, man hätte gerne vollkommen ausrasten wollen (was möglicherweise auch der Fall war), wir haben geraucht als gäbe es keinen Morgen und extrem viel Spaß gehabt.

Und danach war ich doch tatsächlich arbeiten. Fast zu spät gekommen, weil man sich dann doch eher schlecht lösen konnte und vollkommen verpeilt war ich auch noch, ich hoffe die Kunden haben nicht zu sehr darunter gelitten, wie lahm ich im Denken war. Aber ich habs durchgezogen. ich habe meine siebeneinhalb Stunden durchgeackert und war danach noch viel fertiger als vorher, aber wie sagt man so schön:

Wer feiern kann, der kann auch arbeiten!

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