Ausgeflippt

"Ecstasy" von paperboogie auf www.deviantart.com

„Ecstasy“ von paperboogie auf http://www.deviantart.com

Geschrieben heute Morgen gegen 11:15


Ich sitze in der Küche der Exfreundin meines Freundes, rauche, esse kleine französische süße kuchenartige Klumpen namens Madeleines und lese Axolotl Roadkill. Blicke immer wieder auf, schaue aus dem Fenster und frage mich, was die zuletzt gelesenen Zeilen über mich aussagen.

Habe Rückenschmerzen, die linke Seite der Zunge ist eingerissen, der rechte hintere Winkel meiner Mundschleimhaut, da wo die Wange an den oberen Backenzahn drückt, wenn ich den Kiefer nach links schiebe – zerkaut und in Fetzen. Meine Haut ist fettig, Augenringe und zwei aufgekratzte Pickel am Kinn.

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen die ich nicht ändern kann, die Kraft Dinge zu ändern die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom Anderen zu unterscheiden.

-F. C. Oetinger-

Am Samstagabend dann bin ich vollends explodiert. Hab das alles nicht mehr ertragen, wollte es auch nicht mehr müssen und bin in einem Anfall beinahe hysterischer Wut über ihn, über mich, über die Situation und sowieso über alles um mich herum in dieser kleinen chaotischen Wohnung geflohen.


Freitag. Er mittlerweile…ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr den wievielten Tag wach, ich irgendwann Nachmittags angefangen mit Amphe-Bömbchen. Ein Freitag voll drogeninduziert-verpeilter Missverständnisse, halb ausgesprochenen Halbwahrheiten, die von drogeninduzierten Wahrnehmungsstörungen dazu gemacht wurden. Party ja, Party nein… okay, Party ja. Fast ne Stunde an der Bahnhaltestelle auf ihn warten – in der Zeit zweimal mit ihm telefonieren, zweimal gesagt bekommen „Ich beeil mich, bin gleich da“, zwei Bahnen wegfahren lassen. Irgendwann anrufen um zu fragen wo er bleibt. Keine Reaktion. Kopfkino, denn die letzte Line die er gezogen hat war mörderisch groß. Panisches Nach-Hause-Hetzen aus Angst, er liege mit Überdosis blutend in der Badewanne, Bilder von verdrehten Körperteilen, die Frage wie ich wohl reagieren würde und ob überhaupt, was es für mich bedeuten und mit mir machen würde, ihn so zu verlieren. Ankommen, fast hysterisch rufen „SCHATZ ALLES OKAY???“

Schlagartig nüchterner werden, als aus dem Bad das Geräusch von fließendem Wasser zu hören ist.

„Hey, ja, alles gut, was ist los?“
Innerlich zusammenbrechen. Ihn anschnautzen, was fällt ihm ein mich da so stehen zu lassen und noch nicht mal Bescheid zu sagen wenn man das Verabredete nicht einhält, wie kann man sich den SO dermaßen das Hirn wegschießen, du wolltest seit ner Stunde duschen, ich bin vor gefahren und steh da und warte und du kommst nicht und gehst nicht ans Handy GEHTS NOCH!? Streit, Hysterie, Resignation. Party also nein. Daraufhin hab ich mich schonungslos vollaufen lassen und bin irgendwann auf dem Sofa eingeschlafen. Ich glaube nicht, dass das alles auch nur im Mindesten beschreibt, was an diesem Tag in meinem Kopf vorging, nach einer Woche, die ich aus Anonymisierungsgründen nicht näher erläutern werde. Nur so viel: es war furchtbar.
3 Stunden später bin ich aufgewacht, es war bereits wieder hell.

Samstag. Aufwachen, noch halb besoffen sein, ne Kleinigkeit essen, langsam spüren, wie der Kater sich ankündigt. Zwischendurch mit ihm (der noch immer nicht geschlafen hatte) Pfandflaschen wegbringen, heiß, schwül, ein Kampf. Irgendwann ankündigen dass ich auf jeden Fall feiern gehen will. Von ihm den ganzen Tag zu dem Thema nur „witzige“ Sprüche, wenn überhaupt durchscheinen lassen dass er wohl nicht mitkommen sollte wegen der Arbeit und der bisherigen Wachzeit. An viel mehr kann ich mich nicht so richtig erinnern, ich weiß dass der Kater furchtbar war und dass ich den ganzen Tag nicht viel auf die Reihe gekriegt hab. Ihm gings gegen Abend natürlich seiner Wachzeit entsprechend schlecht, ich war genervt, überfordert, die Wohnung ein einziges Chaos, mein Leben auch und dann fing die Diskussion an. Er habe ja nie gesagt dass er nicht mit zur Party kommt. Warum ich jetzt auf einmal alleine fahren will. Blabla, zetern, laut werden, arschig sein, schreien, aus meinem Mund blubbern Gemeinheiten, aus seinem auch, der Flur ist zu eng zum Gestikulieren

BAM

Und raus. Schnell gucken ob ich alles hab, aufs Fahrrad schwingen, kurz zögern, losfahren.
Bömbchen schmeißen, zweifeln, fast heulen, zusammenreißen, ankommen.
Ecstasy kaufen, rauchen wie ein Schlot bis die Musik besser wird und mehr Leute da sind, Ding fressen.
Irgendwann dann spüren wie die Wirkung einsetzt, aufhören ständig zur Tür zu schauen in der Erwartung, er würde doch noch nachkommen. Mich irgendwann freuen, dass ers nicht getan hat.

Sonntag. Das erste Mal seit wir zusammen sind vollkommen selbstbestimmt die Nacht und den Tag gestalten, genau so wie ich es will, mir selbst alle Möglichkeiten offen lassen. Für mich die geilste Sause seit langer Zeit. Richtig coole Leute kennengelernt, alte Freunde wieder getroffen, Teile gefressen wann ich wollte und auf der Tanzfläche dermaßen ausgeflippt, dass mir heute einfach jeder einzelne Muskel weh tut. Herrlich. Und das, ohne es besonders zu übertreiben mit den Pillen oder nach der Party permanent diese Schmacht zu haben. 9 Uhr Morgens war Schluss, ich also mit ein paar Leuten in die Sonne, ins Grüne, runterkiffen. Verdammt lustiger Tag, alle paar Worte den Faden verloren aber trotzdem gelabert und gelabert und blubb. Naja zumindest ich, aber scheinbar hab ich eher unterhalten als alles andere, zumindest den Reaktionen nach zu urteilen.

Tja, aber auch das geht irgendwann vorbei, bin also bei D. gelandet und hab mir unterwegs von einem Umsonst-Flohmarkt dieses Buch mitgenommen. (Von den Plagiatsvorwürfen hab ich dann jetzt auch zum ersten Mal gelesen, juckt mich aber nicht.) Und weil ichs so geil finde, hier meine Lieblingsstelle auf den ersten Seiten:

Um 16 Uhr 30 wache ich orientierungslos in einen Bettbezug gewickelt auf und bin in allererster Linie von mir selber gelangweilt. Ich kauere. Irgendwie läuft mir zu Lorbeerkränzen geflochtenes Blut aus dem rechten Ohr. Vor mir leuchtet etwas auf, das ich als die Hässlichkeit der High Society entziffere: zwei Zigaretten, zwei aus hygienischen Gründen statt durch einen Geldschein durch einen Kassenbon gezogene Lines Ritalin, pulverisierter Parmesankäse und ein besorgniserregende Ausmaße annehmender Nervenzusammenbruch, das Ketaminloch wahrscheinlich, ich habe seit Monaten die wildesten Krebsdiagnoseträume, keine Alpträume, sondern irgendwas Tiefergehendes, wo ich dann immer schreiend erwache, weil so viele Gedanken da sind, dass man seine eigenen Gedanken gar nicht mehr von den fremden unterscheiden kann. Vor lauter mit Angstanfällen gekoppelten Magen-Darm-Exzessen will ich mich aus dem dritten Stock stürzen, schalte stattdessen RTL2 ein und da läuft eine super Tiersendung. Die ist wie ein Wahnsinnsfernsehevent aufgelöst. Plötzlich steht da so ein aufgeweckter Schakal, und dann gibt es einen Gegenschuss auf die Erdmännchenherde, die in einer Totale von dem Schakal zerfleischt wird sozusagen und der Zuschauer denkt voller Liebe: ja, diese Scheißerdmännchen sehen leider Gottes auch echt so unglaublich bescheuert aus, die haben irgendwie nichts anderes verdient, als gefressen zu werden.

D., ihrerseits beruflich Therapeutin, und ich haben den restlichen Tag analysiert, reflektiert und ich hatte einige Erkenntnisse. Ich meine wirkliche Erkenntnisse über mich selbst und mein Handeln und die Psyche die dahinter steckt.

Mittlerweile bin ich wieder zu Hause, wir haben uns die Gelegenheit gegeben auszusprechen was wir aussprechen wollen und damit ist gut.

Das Fazit:

Ich habe die ganze Zeit diese Angst ignoriert und sie gestern das erste Mal wirklich gespürt. Warum kann ich mich nicht aufraffen, habe ich bisher nur einen Besichtigungstermin gehabt und krieg den Arsch nicht hoch um das zu bekommen was ich will?

Weil ich eine Scheißangst vor der Verantwortung habe, die ich nie tragen musste.

Man kann sich nur gegenseitig helfen, indem man sich selbst hilft. Bekomm dein Scheißleben auf die Reihe und hör auf in deiner Arbeitslosigkeit zu baden, ignorier die Scheißangst vor der Verantwortung und SUCH DIR NE WOHNUNG!

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4 Gedanken zu “Ausgeflippt

  1. Pingback: Memoiren einer Symbiose | Liebe Musik Sport und Drogen

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