Memoiren einer Symbiose

Folgenden Text schrieb ich vor 4 Wochen, als wir schon einen Monat clean waren. Ich hab mir nicht mehr die Mühe gemacht, Korrektur zu lesen. Und eigentlich lade ich ihn nur hoch, weil ich eben den nächsten Beitrag geschrieben und festgestellt habe, dass dieser hier nie veröffentlicht wurde:
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Wenn man sich kennenlernt und feststellt, dass man in der Jugend die selbe Musik gehört hat und noch sämtliche Songtexte auswendig kennt – inklusive die der Titelsongs der Zeichentrick- und Animeserien. Wenn man am ersten Abend mit gemeinsamen Freunden etwa 5 Stunden abseits der anderen im Flur auf dem Boden hockt und Lebensgeschichten austauscht. Wenn man noch immer die gleiche Musik hört und Gänsehaut bei den selben Liedern bekommt. Wenn man einen Monat braucht um sich in der kitschigsten romantischen Situation unserer beider Leben zu küssen, nach tagelangem Kopfkino vom Feinsten. Und wenn man dann so viel Zeit miteinander verbringt, dass man nach wenigen Wochen beschließt, dass man nun ohnehin schon zusammenwohnt und es dann jetzt auch offiziell machen kann.

Dann ist man verliebt.

Und ab diesem Punkt gibt es, sofern man die Beziehung zu führen bereit ist, verschiedene Wege die man einschlagen kann. Keiner dieser Wege ist Erfolgsgarant oder Todesurteil.

Szenario 1

Man pflegt die Beziehung mit Leidenschaft und Hingabe, doch hat noch genug Zeit und Kraft, um sich auch um seine Freunde zu kümmern – die nämlich, die vor der Beziehung da waren und die, Gott bewahre, auch nach der Beziehung noch da sein werden. Man kümmert sich um seine Familie, ist da wenn es einem geliebten Menschen schlecht geht und pflegt ein gesundes Sozialleben neben der Beziehung. Man hat es voll drauf, beides in Einklang zu bringen. Gemütliche Pärchenabende vor der Glotze oder im Restaurant wechseln sich gerecht mit Mädelsabenden und Unternehmungen mit Freund und Freunden gemeinsam ab. Im Idealfall werden Freund und Freunde auch gute Freunde (Höhö, Friend-ception), was es noch einfacher gestaltet, diese beiden sensiblen Beziehungen in ein Gleichgewicht zu bringen, da Sozialleben und Beziehung sich teilweise ineinander vermischen. Aber nicht zu viel!
Es ist nicht leicht aber schafft es dennoch, man selbst zu bleiben. Man muss sich nicht verbiegen um dem Anderen zu gefallen und man steht zu dem was man denkt und tut, auch wenn das Konflikte bedeutet, denn man weiß, dass man sich nur durch Konflikte wirklich kennen lernt und am Ende herausfinden kann ob man füreinander bestimmt ist oder nicht. Man lernt, die Unterschiede auch zu zelebrieren und mit Macken zu leben, weil man weiß dass man sie nicht ändern kann und das auch nicht will. Denn man liebt den Menschen wie er ist, mit all seinen Marrotten.
Außerdem hat man neben all dem Sozialkram noch immer die Zeit (und auch den Mut!) mal mit sich selbst alleine zu sein oder Dinge zu tun, die man nicht mit Freunden und nicht mit dem Partner machen möchte, sondern nur für sich alleine. Man nimmt sich den Raum den man zum Atmen braucht.
Man genießt die Zeit die man mit Menschen verbringt und die Zeit die man ohne sie verbringt gleichermaßen und liebt sie und sich selbst, weil man eines nie aus den Augen verliert: dass niemand etwas davon hat wenn man nicht man selbst ist.

Szenario 2

Man pflegt die Beziehung mit Leidenschaft und Hingabe und tut alles füreinander. Keine Bitte wird ausgeschlagen, selbst wenn man sich selbst dafür ein Stück zurücknehmenn muss, denn man sieht es gerne wenn der Partner glücklich ist. Für andere Dinge ist eigentlich kaum noch Zeit aber das ist nicht schlimm, denn die Zeit die man füreinander und miteinander verbringt ist die Schönste überhaupt. Es kommt die Zeit, da wird sich alles irgendwie ins Gleichgewicht bringen.
Wenn es ein Missverständnis gibt oder Strheit aufkommt, versucht man natürlich, das gemeinsam zu klären und auf einen grünen Zweig zu kommen. Und wenn das manchmal bedeutet, Kompromisse einzugehen die man früher nie eingegangen wäre, bedeutet das doch nur, dass man den anderen so sehr liebt, dass man sich für ihn verändern würde. Auch wenn Freunde und Familie das schwer bis gar nicht verstehen können, schließlich ist man gerade sehr eingenommen und wenn man eine neue Beziehung hat, verbringt man nunmal viel zeit miteinander, das ist vollkommen normal. Und mit einer Beziehung verändert man sich eben, auch das ist normal.
Wenn man dann mal Zeit mit den Freunden oder der Familie verbringt, ist es fast wie immer. Man genießt die schönen Stunden miteinander, am Ende sagt man, man würde ab jetzt wieder öfter vorbei kommen wollen aber es ist grad so viel los im eigenen Leben.

Szenario 3

Ich verliebe mich. Hals über Kopf in einem Menschen der noch viel mehr in diesem Sumpf steckt als ich selbst, doch das sehe ich nicht, es interessiert mich nicht, weil ich mir überkitschig vorkomme wenn ich versuche irgendwem zu erklären dass es mir vorkommt als kenne ich diesen Menschen schon seit Ewigkeiten und dieser Jemand mich anguckt und sich denkt „Jaja blabla, rosarote Brille halt.“ Ich möchte hier einwerfen, dass es nach 2 Jahren noch nicht nachgelassen hat, dieses Gefühl.
Ich pflege die Beziehung mit Leidenschaft und Hingabe. Wir tun uns einfach nur gut, das ist echt nicht zu fassen, wie wir beide uns am Anfang gegenseitig pushen. Er hilft mir, mich emotional von meiner alten Beziehung zu lösen und zu erkennen, was damals alles schief gelaufen ist. Gemeinsam haben wir Erkenntnisse oder bringen uns gegenseitig auf einen Gedanken der dann in eine Erkenntnis mündet – und damit meine ich nicht nur eine Einsicht, nein, eine wirkliche Erkenntnis, die einem das Herz in der Brust weitet weil man nicht fassen kann wie man so blöd sein konnte, das nicht schon früher erkannt zu haben!
Missverständnisse oder Streit sind wir noch nicht so gut in der Lage sachlich zu klären, nicht zuletzt wegen unserer verschiedenen Denkweisen, er als mathematischer Logikmensch, ich als emotionales Nervenbündel; doch wir fangen schon früh an, Strategien zu entwickeln, wiederkehrende Problemfelder aufzuschreiben und in nicht so emotional behafteten Momenten nach Lösungen zu suchen. Sagen uns gegenseitig was wir erwarten und versuchen, das umzusetzen was der Andere vermitteln möchte.
Wir wachsen aneinander und miteinander. Und wenn man sich zusammen so entwickelt, werden andere Dinge dann irgendwann unwichtiger. Ich tue immer mehr für ihn und immer weniger für mich. Aufgrund unseres Drogenproblems wechseln wir uns quasi ab: geht es ihm schlecht, kümmer ich mich. Geht es mir nicht gut, findet er wieder neue Kraft um sich zu kümmern. Wir geraten in einen Kreislauf der Abhängigkeit und richten unsere Leben aneinander aus. Jede Entscheidung wird gemeinsam getroffen. Meine Freunde fangen an sich zu beschweren, dass man mich nur noch selten sieht und wenn, dann immer in Verbindung mit meinem dauerdruppen Freund, der schon früh keine Lust mehr hat und natürlich nicht alleine nach Hause fahren will, was mich co-abhängig dazu zwingt, mit zu kommen. Und wenn ich dann mal alleine unterwegs bin, telefonieren wir ständig, er fragt mich etwas weinerlich wann ich nach Hause komme weil wir müssen ja noch einkaufen oder kochen oder sonstwas unbedingt zusammen tun. Umgekehrt das Selbe. Wir önnen keine Entscheidungen mehr ohneeinander treffen. Das läuft eine ganze Zeit lang so. Sene bestehende Sucht und meine, die sich gerade dazu entwickelte, zogen uns nur immer tiefer in diesen Kreislauf aus Abhängigkeit und Coabhängigkeit.

An der Stelle habe ich gerade das Wort „Coabhängig“ gegoogelt und einen Selbsttest gefunden. Ich habe mir Mühe gegeben, die Fragen so zu beantworten, als hätte man sie mir vor ein paar Monaten gestellt und hatte 12x ja. Bei mehr als 5x gilt man laut diesem test schon als schwer coabhängig. Aber das war für mich schon immer ein Thema.

Ich mache mit Absicht hier nun einen großen Zeitsprung, weil es mich dann doch schon innerlich aufwühlt, so detailiert zu schreiben und es sind Dinge passiert die niemanden etwas angehen und über die ich nicht schreiben möchte. zumindest noch nicht.

Die letzten Monate wurden immer unerträglicher. Eingepfercht in diese kleine Wohnung ohne wirkliche Privatsphäre und ohne die Möglichkeit, mal voreinander zu fliehen – was gar nicht stimmt eigentlich, schließlich haben wir beide Freunde in der Stadt und Mütter zu denen man gehen könnte aber wenn man so abhängig voneinander ist wie wir, ist es eine unendlich große Überwindung, einfach aus einem Streit heraus zu gehen und den anderen mit seinem Wust alleine zu lassen, Schließlich will man ja dass alles gut ist wenn man sich eine Weile nicht sieht. Aber das war wie gesagt so schwer, dass es nur selten vorkam. Und in den letzten Monaten dann immer öfter, speziell eine Situation war dafür sehr bezeichnend was in letzter Zeit zwischen uns so abging.


"Release" von Anacorreal auf Deviantart.com

„Release“
von Anacorreal auf Deviantart.com

Jetzt bin ich frei. endlich frei. Naja, vielleicht noch nicht ganz, aber es ist geschafft. Der Entzug war ein Erfolg. Er geht ohne Amphetamin arbeiten. Ich nehme keine Pillen mehr. Wir bestärken uns wieder in dem was wir tun.

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