Tod und Leben

Ich beschäftige mich gedanklich sehr intensiv mit dem Sterben. Oder besser, mit der Realität die damit zusammenhängt. Sofern eine Realität existiert wenn unser physischer Körper diesen Prozess durchwandert. Das Aussetzen sämtlicher Funktionen, der Zerfall in sämtliche Einzelteile, Verwesung, schließlich wird Erde draus, Nährstoffe, Bausteine.
Die Frage nach dem Tod ist wie eine Schachtel in meinem Kopf, in der sich noch eine Schachtel befindet und noch eine und noch eine. Eine endlose Verschachtelung von Fragen darüber was Realität ist und wie sie aufgebaut ist, was nehme ich wahr, was nicht? Luft ist da, das weiß ich, ich atme sie, ich spüre sie, aber ich sehe sie nicht! Wären wir Wesen, die das taktile Fühlen nicht bräuchten um zu überleben – wären wir also Tiere, die nicht fühlen sondern sich rein auf Hörsinn, Sehsinn, Geruchssinn, Tiefenwahnehmung verlassen würden, Hätten wir die Luft als solche entdeckt?
Wahrscheinlich schon, was ich aber damit sagen will: Sie wäre da gewesen aber wir hätten es nicht gewusst. Ja, seltsamer Gedankengang. Ich frage mich: wie viele Dinge gibt es, von denen man gar nicht weiß dass sie da sind? Wie viele von den Dingen, die heute als unmöglich, nicht existent, Träumerei deklariert werden, sind unerkannt wahrhaftige Realität? Die Erde war ja nunmal auch sehr lange eine Scheibe! Wobei dieser Vergleich nicht ganz fair ist, schließlich ist die Welt im Wandel. Es gibt mittlerweile ernsthaft geförderte und finanzierte Forschungsteams zu weltfremden Themen wie Astralreisen, Klarträumen, Sinneswahrnehmung von Pflanzen, Hellsicht, undundund! Wer entscheidet also wirklich, was existiert und was nicht? Und ist diese Frage überhaupt von Bedeutung?

Nicht für mich. In meiner Welt existiert etwas, weil ich entschieden habe, dass es existiert. Basta. Ich bin offen für Meinungsänderung und Berichtigung meiner Entscheidungen. Aber der Kern bleibt der Selbe. Ich entscheide das. Und ich habe entschieden, dass ich nicht aufhöre zu existieren wenn ich sterbe. Das war nicht immer so und ist eine relativ neue Entscheidung von mir. Als meine Oma vor ein paar Jahren starb, hatte ich einige Tage danach einen Traum, wie ich mit meinem damaligen Freund in seiner Wohnung stehe. Ein Knall, der Schimmer eines Atompilzes vor dem Fenster, wir umarmen uns weil wir wissen dass wir jetzt sterben werden – und dann bin ich tot, um mich herum ist es schwarz und ich spüre, wie ich mich auflöse. Kein Scheiß, ich habe ganz genau gefühlt wie mein Ich aufhört zu existieren. Das hat sich angefühlt, wie wenn man morgens aufwacht und über diesen krassen Traum nachdenkt den man gerade hatte und einfach mitbekommt wie die Erinnerung flöten geht. Wie sie einem zwischen den Fingern davon rinnt wie Sand. Dann bin ich aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen in dieser Nacht. Von da an hat mich jeden Tag diese Erkenntnis verfolgt: Ich werde sterben und das ist unabwendbar. Das wird mir tatsächlich passieren! MEIN Herz wird aufhören zu schlagen! Und je nach dem wie es passiert, werde ich das sogar mitbekommen! Wie meine Oma. Sie lag nach kurzem Kampf gegen den Krebs im Sterbebett, zwei ihrer Töchter bei sich und hat ihre Eingeweide erbrochen. Und das in vollem Bewusstsein. Kopflich vollkommen fit, hat sie ihren eigenen, plötzlichen Zerfall erlebt und schließlich aufgehört zu atmen. Mein Gott, wenn ich mir das vorstelle, ist meine Empathiefähigkeit mehr Fluch als Segen, denn in meinem Kopf liege ich dort und ersticke. Oder ertrinke. Oder verbrenne. Mein geliebtes Kopfkino sucht sich natürlich immer die schönsten Szenarien aus. Und in meiner Brust erzeugt die Verzweiflung über diesen Gedanken ein schwarzes Loch und alles in mir zieht sich zusammen. Ich will am liebsten haltlos anfangen zu weinen oder rennen oder irgendwas, damit dieses Gefühl weggeht, diese unendlich große Angst vor dem Unabwendbaren! Vor diesem Moment, in dem ich sterbe und aufhöre zu existieren. Und dann…? Ja nix! Weg! Und man kann auch absolut nichts dagegen tun. Und mit diesem Gedankenkarussell habe ich mich sehr sehr lange herumgeschlagen. Heulkrämpfe gehabt. Das war eine sehr depressive Zeit. Ich wollte so gerne an eine Existenz nach dem Tod glauben, aber die Möglichkeit, dass es vielleicht ja doch keine unsterbliche Seele gibt, hat mich nicht losgelassen. Diese Wahrscheinlichkeit, dass Persönlichkeit und Liebe nur Erfindungen einer Spezies sind, deren Hirn zu solch komplexen chemischen und biologischen Prozessen im Stande ist, dass sie sich solche Fragen stellen kann. Ich wollte das nicht glauben aber musste in Betracht ziehen, dass es so ist. Und die Angst davor hat mich zerrissen.

Die Panikanfälle habe ich irgendwann mit dem Lieblingsgedanken aller Kiffer niedergekämpft: du kannst eh nichts dran ändern. Ignoriere es. Und das habe ich getan, die Angstanfälle wurden weniger aber intensiver. Wenn ich kurz an meinen eigenen Tod dachte, hat es mir manchmal richtig die Luft abgeschnürt. Auch die Szenarien wurden krasser. Wie ich zum Beispiel im Auto sitze und nach links schaue und da ein Laster auf mich zukommt, ein Knall, kreischendes Metall – ich liege auf dem Boden, inmitten brennender Trümmer, irgendwas hat meinen Körper durchbohrt, ich weiß, jetzt ist es soweit, tue meinen letzten Atemzug…

Viele Gespräche mit meiner Mutter, die den Tod meiner Oma miterlebt hat und anderen mir nahe stehenden Menschen folgten. Die meisten hatten Angst vor dem Tod. Eine Person berichtete von einer Nahtoderfahrung, die ihr die Angst genommen hat, weil sie die allumfassende Liebe gespürt hat, die nach dem Tod kommt.
Ironischerweise habe ich dann die Angst vor dem Tod verloren – durch die Ansicht eines Menschen, der nicht mal an die Seele glaubt! Ein total rationaler, unreligiöser Logiker, für den es am wahrscheinlichsten ist, dass nach diesem Leben Schluss ist, Ende, und wir alle einfach in der Kiste verrotten. Ich habe ihn gefragt, „hast du denn keine Angst vor dem Sterben?“
Und er antwortete, dass er natürlich keine Angst habe! Wovor denn auch? „Nach dem Tod gibt es uns nicht mehr. Es gibt kein Ich mehr, das in der Lage ist, die Nichtexistenz zu spüren! Und wenn man stirbt, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen – egal was da kommen mag. Egal was passiert: in dem Moment wird es so schon in Ordnung sein.“

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2 Gedanken zu “Tod und Leben

  1. Wie ich schon mal schrieb, bin ich schon einen Tag älter.
    Jetzt 55. Mit 45 fing das an, das ich mich mit dem Tod beschäftigt habe. Ich war zu dem Zeitpunkt viel allein, und es gab kaum noch Ablenkung, bzw alle früheren Ablenkungen funktionierten nicht mehr….

    Es gibt ein Leben nach dem Tod, was Bücher über Nahtoderlebnisse fast beweisen.
    In einem Altenheim, in dem ich damals arbeitete, sagten mir zwei alte Frauen unabhängig voneinander, das sie ihren kürzlich verstorbenen Gatten gesehen hätten, der sie
    beruhigen wollte, und ihnen nahegelegt hat, in der Liebe zu leben. ja ja.

    Ich habe auch viel im Bereich Religion geforscht und bin zu dem Schluss gekommen,
    das die ( gelebte) Nächstenliebe die wahre Religion ist.

    Einem jungen Menschen würde ich heute gern ans Herz legen, doch Freundschaften zu pflegen
    ( was ja nicht schwer ist) und in dem Bereich aktiv zu sein, dann hat man später wenig zu bereuen. Ich habe das lange nicht getan, dementsprechend ist mein Leben heute ziemlich schwierig….

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    • Ich habe auch viel über das Thema gelesen, auch mit Spuritualität beschäftige ich mich ja sehr viel.

      Für deinen Rat bedanke ich mich und beherzige ihn! Mein Freundes- und Familienkreis ist mir sehr wichtig.

      Liebste Grüße

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