Abgrenzung

Empathie bedeutet, mitfühlen zu können. Sich in die Lage des Anderen hineinversetzen und dessen Gefühle nachempfinden zu können. Diese Fähigkeit erlaubt uns, sehr komplizierte soziale Bindungen aufzubauen.

Ich bin Extrem-Empath. Dieses Wort an sich gibt es nicht. Wenn man danach googelt, findet man zwar Artikel in Psychology Today oder Wikipedia zum Thema Hochsensibilität oder auch HSP, doch damit habe ich mich noch nicht eingehend auseinandergesetzt. Den Verdacht, hochsensibel zu sein habe ich schon länger aber bisher hat der sich nicht wirklich verhärtet. Denn sensibel oder von der Persönlichkeit her zierlich bin ich nicht. Aber meine Fähigkeit, mit anderen Menschen, Tieren und generell Lebewesen mitfühlen zu können, würde ich nicht mehr als normal beschreiben. Ich verstehe immer alle. Und das meine ich vollkommen ernst. Ich habe für jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt Verständnis. Das bedeutet nicht, dass ich Gräueltaten gutheiße oder Kinderficker nicht in nem dunklen Loch verrecken sehen will. Aber selbst Menschen die mir Schlimmes angetan haben, verstehe ich in ihren primitiven Beweggründen. Wenn jemand etwas sagt das mich in seiner Formulierung verletzt, obwohl das nicht die Absicht war, verstehe ich den Grundgedanken dahinter und kann gar nicht anders als ihm sofort zu verzeihen, obwohl mich das Gesagte eigentlich kränkt.

Mit dieser Fähigkeit geht aber auch zumeist ein ausgeprägtes Helfersyndrom einher. Dieses Bedürfnis, das Problem des Anderen zu lösen, steigt speziell bei Menschen die man liebt ins Unermessliche. Das geht so weit, dass man seine eigenen Bedürfnisse komplett außer Acht lässt und sich selbst vernachlässigt. Und da bin ich nicht die Einzige. Ich habe viele Berichte, Fragen in Foren usw. gelesen, in denen Betroffene nach Hilfe suchen, weil ihre extreme Empathie und das Helfersyndrom Auslöser für Depression und Burnout geworden sind.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich schrieb „Betroffene“. Ich betrachte mich nicht als betroffen. Ich wurde beschenkt mit dieser Gabe, Dinge außerhalb meines Wahrnehmungsfeldes zu spüren. Ich bin gerne so. Auch wenn ich oftmals daran verzweifle und mir wünsche, mich besser abgrenzen zu können. Denn genau das ist eins der zentralen Themen, wenn es um extreme Empathie geht

Die Abgrenzung.

Wenn man in der Lage ist, die Gefühle und Befindlichkeiten anderer Personen (Ich beschränke das hier mal absichtlich auf Menschen, auch wenn meine Empathie das nicht tut) so stark zu spüren, dann hat man oft Probleme damit zu unterscheiden, ob es nun die Gefühle des Anderen sind oder die Eigenen. Genau aus dem Grund passiert es auch so leicht, dass man aufhört, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Man übernimmt einfach die des Gegenübers, so wie man auch seine Gefühle übernommen hat.

Nun kann es auch passieren, dass ein hochempathischer Mensch auch ein Problem damit hat, einem anderen Menschen klar zu sagen, was er nicht möchte. Denn, das zu sagen bedeutet Abweisung. Und die fühlt sich scheiße an. Das weiß der Extrem-Empath. Und darum tut er das nicht. Vielleicht denkt er auch, dass der andere Mensch ihn dann für zickig oder arrogant hält. denn der Extrem-Empath weiß ziemlich genau, wie Menschen reagieren und was sie für Bilder im Kopf haben, wenn man so und so reagiert. Und dass will er natürlich nicht. Er möchte nicht für etwas gehalten werden, das er nicht ist. Und darum tut er oft Dinge, die er im Nachhinein bereut.

Ein Beispiel.
Ein heißer Sommertag, ich gehe schwimmen. Mit einer meiner beiden besten Freundinnen. Es sind auch andere Leute unseres Alters da, eine nette Gruppe hat sich zusammengefunden, einige kenne ich noch von früher. Die Gruppe wird größer. Mittlerweile sind auch viele Leute da die ich nicht kenne. Darunter ein dunkelhäutiger Mann aus Senegal, den niemand kennt. Ich komme mit ihm irgendwann ins Gespräch, wir sprechen Englisch miteinander. Er erzählt mir, dass er erst seit 2 Monaten in Deutschland ist und Freunde sucht. Er sei alleine hier. Ich schlage vor, ihm meine Handynummer zu geben, dann würde ich mich melden falls so ein treffen mal wieder stattfindet.
Seither schrieb dieser Mann mir regelmäßig Nachrichten. Solche verrückten Sachen wie „Happy new month“. Im Gespräch mit meiner Freundin wurde mir bewusst, wie aufdringlich der Mann an dem Abend insgesamt war. Er hatte einfach eine seltsame Ausstrahlung und suchte mit Sicherheit nicht nur nach „Freunden“.

Mir ist schleierhaft, warum ich ihm meine Handynummer gegeben habe. Dass ich bei solchen Treffen dabei bin ist eher selten, weil ich in einer anderen Stadt wohne. Zudem fand ich den Typ nicht besonders sympathisch oder anziehend, es war eine neutrale Unterhaltung. Ich meine…was hab ich mir dabei gedacht? Doch nicht wirklich, dass ich ihm schreiben würde?!
Meine Theorie: Ich habe in dem akuten Moment der Unterhaltung seinen Hundeblick gesehen und wollte den irgendwie befriedigen. Will heißen, ich habe ihm eine schnelle Lösung auf dem Silbertablett serviert, ohne darüber nachzudenken, dass ich ihn am Ende dann doch abweisen werde. Das ist ein Mechanismus der nicht nur unerwünscht, sondern für den anderen auch extrem verletzend sein kann. ich habe mich in dem Moment davor gedrückt, den Menschen abzuweisen, weil ich seine Enttäuschung nicht ertragen konnte. Das passiert andauernd. Und das muss aufhören. Ich muss mich den Dingen stellen. Punkt.Das ist ja verrückt. Damit ist das Ganze nun keine Theorie mehr. Ich habe während des Schreibens gerade diesen Mechanismus zu Ende reflektiert. Danke Blogwelt 🙂

Nun weiter im Text. Ich stelle mir außerdem die Frage, aus welchem Grund allen außer mir aufgefallen ist, dass der Mann aufdringlich und seltsam wirkte. Wie gesagt, das wurde mir erst im Nachhinein klar, als ich mit meiner Freundin darüber sprach. Ich war zwar alkoholisiert und bekifft, aber das waren die anderen auch. Habe ich das Ganze einfach ausgeblendet, weil ich in jedem Menschen erst mal einfach nur das Gute sehen will? Oder ist es mein Drang, höflich zu sein und niemandem auf den Schlips zu treten indem ich zB eine Unterhaltung unterbreche weil der Typ mir spanisch vorkommt? Mein Hirn lässt solche Eindrücke vielleicht gar nicht erst zu. Wahrscheinlich ist eine Mischung aus beidem.

Wie lösen wir nun das Problem? Denn diese Situation soll nur Beispiel sein für hunderte, wenn nicht tausende andere mit dem selben Grundmechanismus. Abgrenzungsproblem.

Mittlerweile kann ich das mit der langfristigen Abgrenzung ganz gut. Ich bin seit 3 Monaten Single und diese kurze Zeit hat mir bereits sehr dabei geholfen zu erkennen, wo ich in der Vergangenheit, speziell in Beziehungen, Gefühle und Bedürfnisse übernommen habe. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse erkannt und kann sie inzwischen viel besser abgrenzen.

Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, noch achtsamer zu sein in solchen akuten Situationen wie der oben beschriebenen. Speziell wenn ich unter Drogeneinfluss stehe, sollte ich vielleicht sogar den Rat einer vertrauten Person einholen, bevor ich mich in etwas verstricke, was ich im Nachhinein bereue. Und vor allem muss ich mich in solchen Situationen direkt mit dem Thema Abweisung konfrontieren. Ich muss lernen, Menschen abzuweisen wenn es notwendig ist und das auch ertragen.

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3 Gedanken zu “Abgrenzung

  1. Das was du beschreibst kommt mir auch nur allzu bekannt vor.
    Ich habe mir das Selbe vorgenommen und es klappt auch, obwohl ich mir dann auch immer selbst sehr gut zureden muss, damit ich kein schlechtes Gewissen habe, den anderen nun abgewiesen zu haben,
    Aber da muss ich einfach mal an mich denken. Das ist ein Akt der Selbstliebe ❤
    LG Jacky 😉

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