Nachricht aus einem anderen Universum

Ich drehe den kleinen Schlüssel herum und öffne den Briefkasten in Erwartung von nichts Spannendem. Ein gelber Flyer und darunter ein Brief. Die Adresse ist per Hand geschrieben. Mein Innerstes zuckt zusammen. Ich erkenne sofort die Schrift, doch mein Bewusstsein kann noch nicht ganz begreifen, was das bedeutet. Damit hat es nicht gerechnet. Niemand hat das.

An das fröhliche neugierige Mädchen

steht da über meinem Namen und der Adresse. Erst jetzt sickert die Information zu dem Teil meines Gehirns hindurch, der für das Verstehen von Zusammenhängen zuständig ist. Genau diese Worte habe ich in meinem Brief verwendet, als ich ihn nach einem sehr intensiven Traum am nächsten Morgen schrieb und noch am selben Tag abschickte. Wie lange ich das vor mir hergeschoben habe. Aus Angst vor dem was kommen würde. Oder vor dem was nicht kommen würde.

Das erste was mir auffällt und in freudige Erwartungshaltung versetzt, ist die Tatsache, dass die Schrift sehr fein und gekonnt aussieht. Eine schöne Schrift. Sie sieht nicht aus wie von jemandem, der aufgrund von jahrzehntelangem Alkoholkonsum nicht mehr klar kommt.

Als ich A. in Kenntnis setze, wer mir da geantwortet hat, werden seine Augen so groß wie meine. Wir sputen uns hinauf in meine Wohnung, ins Wohnzimmer, wo ich vollkommen aufgeregt meine Jacke und Schuhe an den Boden übergebe. Noch im Hinsetzen öffne ich den Brief hastig und hole drei gefaltete Blatt Papier heraus. Nicht wie sonst, erst quer und dann längs, sondern erst an der Längs- und dann an der Querachse gefaltet. Das Papier ist dünn. Darauf, mit dunkelbrauner Tinte und derselben schönen Schrift geschrieben, die Worte meines Vaters. Den ich nicht mehr gesehen habe seit ich neun Jahre alt war.

Ich lese den Brief vor und meine innere Sonne strahlt mit jedem Wort heller. Immer wieder schaue ich zu A. auf, überrascht und fasziniert von dem was da steht. Und es ist nich nur der Inhalt, der mich berührt, sondern vor allem der Schreibstil, der mich beeindruckt.

Ich will dir mal ein ungefähres Bild von mir und meiner Existenz geben, damit zu wenigstens eine vage Vorstellung bekommst, auf was für einen abenteuerlichen Exkurs deine fröhliche Neugierde Dich da treibt.

Ich lese jede Zeile mit einem Lächeln im Gesicht und jedes Wort löst in mir etwas aus. Ich bin vollkommen geplättet von solch gewählten Worten und von ihrem Inhalt noch viel mehr.

Erzähl mir Dein Leben, plauder von deinen Interessen und Idealen, lass mich deine Sehnsucht wissen, sprich aus deinen inneren Gemütsregungen, aber nimm Dir Zeit – ein geschriebener Satz ist nicht allein Ausdruck eines bestimmten Gedankens oder Gefühls, er ist darüber hinaus ein winziges, nichts destoweniger ein kostbares Teilchen aus dem diffizilen Komplex eines Menschenlebens.

Ich sauge die Worte bis zum Letzten in mich auf und zittere am Ende fast vor freudiger Erregung. Ich hatte mit zwei Dingen gerechnet. Entweder keine Antwort zu erhalten, oder die eines alten Säufers. Ganz bestimmt nicht damit, so schnell eine Reaktion erwarten zu können. Und dann, es ist für mich fast einem wunderbaren Geschenk gleich, lese ich die Worte eines Denkers. Glück und Stolz durchfluten mich. Und freudige Erwartung angesichts dessen, was er geschrieben hat.

Für meine Antwort möchte ich mir tatsächlich viel Zeit lassen. Mein Brief an ihn umfasste nicht mal eine ganze Seite und war nur ein kleiner Versuch einer Kontaktaufnahme. So ein großes Maß an Bereitschaft, mir so viel von sich zu erzählen – teils wirklich tiefe Ängste – habe ich nicht kommen sehen. Er hat sich mir geöffnet, mit dem ersten Wort bereits. Ich möchte mich ihm gegenüber auch öffnen. Und habe nicht im Traum daran gedacht, dass ich die Möglichkeit tatsächlich bekommen würde, meinem Vater, den ich als Kind so geliebt habe, und der mich auf schmerzliche Weise verlassen hat, als Erwachsene auf einer solchen Ebene begegnen zu können.

Man darf gespannt sein.

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