Schau mir in die Augen

auge

Ich sitze einer jungen Dame gegenüber, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jünger ist als ich. Sie erklärt mir die Konditionen des Jobangebots, über das wir sprechen. Ich bewahre mir eine offene Körperhaltung und nicke und gebe zustimmende Brummlaute von mir, wo es vonnöten ist. Sie ist wirklich hübsch und hat ein tolles Lächeln. Ihre Augen strahlen. Sie durchbohren mich. Ohne sich zu bewegen, graben sie sich unverwandt in meine, während ihre Besitzerin spricht. Ich merke dass ich ihr nicht mehr folgen kann und wende den Blick ab. Sah das jetzt vielleicht komisch aus, dass ich den Blick eine ganze Zeitlang erwidert habe und dann plötzlich nach unten sehe? Schnell wieder hochgucken. Sie sind noch immer genau da wo sie vorher waren. Und starren mich an. Ich muss mich extrem konzentrieren, um ihrem Blick standzuhalten und trotzdem noch zuhören zu können. Nicken und lächeln nicht vergessen. Immer wieder muss ich den Blick abwenden.

Sowie das Gespräch vorbei ist, verabschieden wir uns und ich verlasse das Gebäude. Es war wirklich ein nettes Gespräch und der Job hört sich gut an.
Was mich viel mehr beschäftigt, sind ihre Augen. Oder nein, nicht ihre Augen. Sondern Augen im Allgemeinen. Wenn ich einen Freund habe, liebe ich diesen schelmischen, verführerischen Blick den man sich zuwerfen kann. Aber wenn ich mich mit jemandem unterhalte, blicke ich meistens irgendwo in der gegend herum, vollkommen ziellos. Oft versuche ich, höflichkeitshalber den Augenkontakt zu halten, damit fällt es mir aber merklich schwerer, mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Ich stelle mir die Frage, woran das liegt. Im Grunde bin ich ein extrem aufgeschlossener und extrovertierter Mensch. Ich habe keinerlei Prüfungsängste, kann gut vor Menschen sprechen und sowieso bin ich eigentlich nicht der Typ Mensch, der Probleme mit Augenkontakt haben sollte. Was empfinde ich also unangenehm an langem Augenkontakt? Wenn ich mir diese Frage stelle versuche ich mich nochmal in so eine Situation hineinzuversetzen und meine Gedanken in diesem Moment zu reflektieren. Ich blicke jemandem also während eines Gesprächs in die Augen. Oder nein, vielmehr merke ich, dass mein gegnüber den Augenkontakt sucht oder mir zumindets ins Gesicht sieht, also erwidere ich den Blick. Ein Großteil meiner Gedanken dreht sich dabei darum, ob mein Blick dem mir Erzählten entspricht. Reagiere ich angemessen? Und ich frage mich, wie ich wohl auf die andere Person wirke. Ist mein Blick unsicher? Und schließlich frage ich mich, wie viel ich von dem was ich denke preisgeben sollte mittels Blick und Mimik. Was ich jetzt gerade krass finde. Dass ich das überhaupt tue. Ich hätte selbst von mir gar nicht gedacht, dass ich da so berechnend denke. Nichts desto trotz sind das alles Gedanken, die sich um mich und meine Wirkung auf den Anderen drehen.

Hinzu kommt, dass ich mich oft in den Augen des anderen verliere. Ich habe einen Faible für Augen, genauer gesagt für ihre Farben und wie sie ineinander überlaufen. Manche Augen haben ja gleich zwei Farben und je nach Licht sieht sowas einfach nur magisch aus. Wenn man sich die Augenfarbe auf einem Makrofoto ansieht, kann man diese ganzen Farbnuancen und gewölbten Muskelstränge der Iris sehen, die aussegen wie eine Canyon-Landschaft auf einem anderen Planeten. Dann kommt mir oft der Gedanke, was ist wenn die Person das merkt, dass ich ihr…ja was denn…in die Augen sehe?  Na klar tut sie das und das soll sie ja auch! Sie kann ja nicht meine gedanken lesen und wissen, dass ich längst nicht mehr zuhöre, sondern ihre außerirdischen Augen betrachte und mich darin verliere.

Über all diese Gedanken wird das Zuhören merklich schwerer und ich muss meinen Blick irgendwann abwenden, weil ich mich vielleicht auch angestarrt fühle und durchdringenden Blicken noch weniger standhalten kann als eh schon.

Tja, was mach ich jetzt daraus? Mich persönlich stört diese Eigenschaft nicht wirklich, ich kann damit eigentlich ganz gut umgehen und bisher hat mir auch noch niemand gesagt, dass ihm das aufgefallen sei. Die Frage ist, hat es einen nachteil für mich?
Bisher nicht. Ich glaube, eigentlich stelle ich mir die Frage, ob ich vielleicht eine Form von Autismus habe. Das frage ich mich ja eh schon lange. Oder ob ich vielleicht hochsensibel bin. Diese Fragen werde ich mir aber nicht beantworten können, wenn ich das nicht von einer Fachperson überprüfen lasse.

Nichts desto trotz ist es schön, das Ganze mal zu Ende reflektiert zu haben.

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6 Gedanken zu “Schau mir in die Augen

  1. Nach meinem Entzug, den ich im Alleingang bewältigen wollte, habe ich trotzdem die Hilfe eines Psychologen in Anspruch genommen. Dort lernte ich auch wieder mich besser selbst kennen zulernen und zu erfahren.
    Dazu gehörte auch das Thema Augenkontakt bei einem Gespräch, Unterhaltung mit einer Person, die mir gegenüber sitzen würde. Mein Psychologe gab mir recht schnell zu verstehen, dass ich mich in Gesprächen meinem Gegenüber recht unwohl und unsicher fühlte. Dies resultierte auch aus meinen Blickkontakten, die meinerseits immer weg vom Gesprächspartner führte.
    Er brachte mir bei, selbst zu fühlen und zu spüren, wie lange ich meinem Gegenüber während er oder ich etwas sagten, in die Augen schauen sollte. So das meine Blicke für meinen Gesprächspartner nicht unangenehm und aufdringlich wirkten.
    Ich musste zudem noch lernen, wie ein Blick meinerseits aussehen konnte, damit er nicht angestrengt, sondern je nach Gesprächspartner und Situation passend, neugierig und erfreut wirken konnte. Also eher groß und weit geöffnete Augen, anstatt angestrengt zusammengepresste Augen.

    Das alles mag für dich jetzt vielleicht merkwürdig klingen. Aber nach meinen 10 Jahren harte Drogen, verlor ich mein eigenes Körpergefühl und mein Selbstvertrauen. Dies spiegelte sich auch in meinen Blickkontakten nieder, die immer auf der Suche nach einem Ausgang, weg von der Situation waren. Ich musste wieder lernen, offener und selbstbewusster gegenüber anderen Menschen zu wirken. Gleichzeitig aber nicht zu aufdringlich und nervend. Was man durch ein anstarren mit den Augen leicht verursachen kann und somit seinem Gesprächspartner ein Unbehagliches Gefühl erzeugen kann.

    Ich war und bin auch wie du ein aufgeschlossener Mensch und lasse dies auch meinen Mitmenschen spüren. Aber gewisse Dinge kann man sich eben auch, wie in meinem Fall, selbst kaputt machen. Man verändert sich und verlernt gewisse Dinge, weil man sich innerlich zurückzieht.

    Mein Kommentar soll jetzt keine Bewertung deiner erfahrenen Geschichte darstellen. Ich finde deine Erfahrung sehr schön. Denn ich liebe Augen auch sehr. Augen sind der Spiegel zur Seele eines Menschen. Du kannst jemanden das erste mal begegnen und kannst sofort in seinen Augen lesen, was er gerade fühlt und empfindet. Augen sagen sehr viel über das Wesen eines Menschen aus. Darum weinen Augen auch, oder funkeln bei Freude und Liebe.

    Ich hatte mal ein Selfie bei Instagram gemacht gehabt, nachdem ich beim Friseur war. Mir ging es einzig und allein nur um meine Haare. Mir war selbst nicht bewusst, als ich mein Bild vorher angeschaut hatte, bevor ich es online schickte, wie krass meine Augen aussehen konnte. Meine FollowerInnen gaben mir dann zu verstehen, welche Wirkung Augen, in dem Fall meine, auf andere Menschen haben können.

    Schau selbst: https://www.instagram.com/p/BCki7jfi0jO/

    Bleib so wie du bist. Behalte deine Perönlichkeit und dein Ich. Aber versuche vielleicht, wie im Fall deines Vorstellungsgesprächs, deinen Umgang im Augenkontakt besser zu kontrollieren. So wie ich es lernen musste. Denn meistens geschehen solche Momente mit Menschen die wir das erste mal sehen und wir vorher schon bewusste nervös oder aufgeregt sind. Das ist auch nicht weiter schlimm. Aber du kannst lernen, in einem Gespräch ein wenig mehr Stärke und Persönlichkeit auszustrahlen.
    Was z.B. in einem Vorstellungsgespräch von entscheidendem Vorteil sein kann. Wie oft haben wir denn in unserem Leben ein Vorstellungsgespräch? Es ist jedes mal etwas schweres für uns.
    Aber jemand der z.B. ein perfektes Zeugnis hat, sich aber für einen Beruf bewirbt, in dem der soziale Umgang und Kontakt zu anderen Menschen sehr sehr wichtig ist, sich aber nicht mal durch seine Augen ausdrücken kann, hat vielleicht bei der Bewerbung schon verloren. Denn Zahlen und Noten sagen noch lange nichts über das Wesen eines Menschen aus. Erst der Blickkontakt und das gesprochene Wort spiegelt uns wieder.

    Hab es schön.

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