SelfRape

Mittwochabend, es ist etwa 22 Uhr. Ich bin gerade zu Hause angekommen. Es war ein aufregender Tag, ich hatte ein Gespräch mit meinem zukünftigen Arbeitgeber, habe meine beste Freundin besucht und hatte Bandprobe für den Geburtstag meiner Mutter. Ich werde das erste Mal vor sehr vielen Menschen singen.
Der Tag war anstrengend und ich möchte das erfolgreiche Gespräch bei der Firma feiern. Also hole ich mein Handy aus der Tasche und schreibe S. an. Er ist ein alter Arbeitskollege, den ich nach Jahren vor zwei Wochen am Bahnhof getroffen habe und der ganz in der Nähe wohnt. Wir haben uns schon immer sehr gut verstanden, darüber hinaus genießt er auch gern mal die ein oder andere Tüte und ich erhoffe mir einen lustigen Abend.

Ich nehme mein Fahrrad mit und stehe eine gute halbe Stunde später vor seiner Tür. Wir freuen uns beide und begrüßen und sehr herzlich. Es läuft Musik. Nach einer kurzen Führung durch seine Wohnung unterhalten wir uns sehr angeregt über dies und das und es dauert nicht allzu lange, bis Wein eingeschenkt und der erste Joint auf dem Balkon geraucht wird. Die Gespräche werden immer offener, wir lachen viel, diskutieren. Der Pegel steigt. Der Wein ist alle. Aber es gibt noch Sekt. Im Nachhinein werde ich mir nicht sicher sein, ob mir in dem Moment schon klar ist, dass wir miteinander schlafen werden. In dem Moment ist mir nur bewusst, dass ich ihn, trotz seines Alters, für einen attraktiven Mann halte. Das würde sicherlich nicht jeder so sehen.

Ein paar Joints und Gläser später liege ich auf seinem Bett, er sitzt neben mir und massiert mir den Rücken und die Schultern. Er sagt, dass ihn das anmacht. Ich sage, dass es mich auch anmacht. Und bin mir schon in dem Moment nicht mehr so sicher, ob das auch so ist, ober ob es nur mein Bedürfnis nach gutem Sex ist, das ich mit einem erfahrenen Mann zu stillen versuche. Ich will mich einer neuen Erfahrung öffnen. Ich drehe mich um und er beginnt, mich zu streicheln und zu küssen. Spätestens an diesem Punkt merke ich, dass ich es widerlich finde, einen Mann zu küssen, der so viel älter ist als ich. Lasse es aber trotzdem zu. Ich halte die ganze Zeit die Augen geschlossen. Nur ab und zu öffne ich sie kurz. Ganz kurz. Er zieht mich aus und sich auch. Als seine Hand zwischen meinen Beinen verschwindet und nicht das auslöst, was ich erwartet habe, steigt mein Unbehagen. Ich interpretiere das als Aufregung vor einer neuen Erfahrung. Sein Penis fühlt sich seltsam an, hat eine komische Form. Inneres Schaudern.

Als es ernst wird, frage ich ihn ob er ein Kondom hat. Was ich denke, warum er so zittere, fragt er mich. Er habe kein Kondom. Uff. Wir hören fast auf. Aber nicht ganz. Der Teil der sich kurz darüber freut wird von dem Teil verdrängt, der berauscht ist und ficken will. Konsequenzen ist in dem Moment kein Bestandteil meines Wortschatzes.

Donnerstag. Ich wache mit Kopfschmerzen auf und fühle mich leer. Er ist auch schon wach und macht Kaffee.

„Das war dämlich. Wir hätten das nicht tun sollen,“ sage ich.
„Was meint du?“
„Ohne Kondom poppen natürlich.“

Später sagt er, er habe es nicht schlimm gefunden, mittendrin aufzuhören und keinen Orgasmus zu bekommen. Gott sei Dank. Zumindest ist er nicht in mir gekommen. Aber da ist trotzdem diese kleine, leise Angst.

Ich fahre mit dem Fahrrad nach Hause. Es fühlt sich gut an, mit jedem tritt in die Pedale weiter weg von diesem Ort zu kommen. Immer wieder blitzen Erinnerungen vor meinem inneren Auge auf. Habe den Geruch seines Atems in der Nase und sein Stöhnen in den Ohren. Vertreibe die Erinnerung mit kurzem Kopfschütteln.

Zu Hause mache ich mir eine Serie an und schlafe zwei Stunden. Ich bekomme eine Whatsapp-Nachricht.

Danke für den schönen Abend. Wenn du Lust hast lebe dich aus mit mir, werde dich verwöhnen, dass deine Seele mal richtig befriedigt ist! Du bist echt in Ordnung und dein Körper ist megageil!
LG (melde mich am Sonntag mal bei dir mittags)

Bevor ich mich aufmache einen Freund zu besuchen, antworte ich ihm, dass ich den Abend auch sehr schön fand aber ich mich im Nachhinein komisch damit fühle. Wir sollten darüber sprechen wenn wir uns das nächste Mal sehen.

Eine Stunde später sitze ich bei B. auf dem Sofa. Wir rauchen etwas Gras durch seinen Vaporizer, hören Musik und unterhalten uns über Drogen. Wir unterhalten uns fast immer über Drogen. Abends fahre ich nach Hause und gucke so lange meine Serie weiter, bis ich einschlafe.

Freitag. Ich fahre in die Nachbarstadt, um dort mit meiner Mutter Klamotten für meinen neuen Job shoppen zu gehen; ihr Weihnachtsgeschenk für mich. Wir finden Schuhe und eine Hose. Nach einer Pause mit Baileys-Latte kauften wir noch, etwas angeheitert, eine lange Strickjacke und gingen zur Belohnung Tapas essen. Die besten Tapas die ich in Deutschland je gegessen habe.

Nachdem sie mich nach Hause gefahren hat, logge ich mich in den Chatroom ein, in dem ich mich mit anderen Usern seit einem Jahr regelmäßig über Substanzen, Spirituelles und Alltägliches austausche. Wir wechseln in den Videochat. Ich entscheide, dass ich jetzt Lust auf ein halbes Teil habe, scheiße auf meine Vorsätze und nehme es einfach. Es bleibt nicht dabei. Die Wirkung lässt zu lange auf sich warten.

Samstagmittag. Ich habe alle drei rote Kostbarkeiten innerhalb von 9 Stunden verschlungen und die ganze Zeit im Videochat mit anderen Konsumenten verbracht. Kein Gras zum Runterrauchen. Fühle mich ausgelaugt und gefühlstot. Eigentlich bin ich mit M. verabredet. Aber ich kanns einfach nicht. Schreibe ihm. Die ganze Wahrheit. Er sagt er habe mit sowas gerechnet. Ich weiß nicht, ob er das wirklich so meint oder es nur sagt um mich zu verletzen. Irgendwann antwortet er nicht mehr. Ich bereue, dass ich mir keine Ausrede ausgedacht habe um in klarem Kopf mit ihm zu reden. Ansonsten habe ich alle Kontaktversuche von irgendjemandem ignoriert und auch nicht vor, das zu ändern. Bis auf meinen besten Freund, den ich anschreibe. Er kommt vorbei, holt Geld ab und geht Gras und Pizza kaufen. Er ist mein Held. Wir rauchen einen Joint nach dem anderen, reden, essen, schlafen irgendwann ein. Vorm Einschlafen habe ich Druck an den Stellen, wo meine Eierstöcke sind. Ich bekomme Angst. Was, wenn ich schwanger werde? Oder krank? Der Druck wird psychosomatisch sein, denke ich. Ich schiebe den Gedanken an eine Schwangerschaft beiseite.

Sonntag. A. hat hier geschlafen und ist Mittags nach Hause gefahren. Ich habe meiner Mutter und Schwester abgesagt, wir wollten eigentlich zusammen ins Kino gehen. Aber ich kann auch das irgendwie grad nicht. Noch immer Erinnerungsfetzen an die Nacht, die mich schaudern lassen. Der Geruch. Das Stöhnen. Seine Haut, die nicht mehr ganz straff ist. Das Gefühl in meiner Hand. An das Gefühl in mir kann ich mich nicht erinnern. Diese kurzen, ganz kurzen Augenblicke, als ich die Augen geöffnet habe, geistern mir im Kopf herum. M. geistert mir im Kopf herum. Wie er sich damit fühlen muss.

Ich habe mich selbst vergewaltigt. Ich habe mich verführen und benutzen lassen, ohne auf meine innere Stimme zu hören. Ich habe meinen eigenen Ekel ignoriert. Mich ignoriert. Ich glaube, ich habe in dem Moment irgendwas in mir abgespalten. Ich war nicht ich. Vor allem der Alkohol wird dabei eine sehr große Rolle gespielt haben. Und danach völliger Kontrollverlust. dass ich M. das so direkt über Whatsapp geschrieben habe war einfach nur dämlich von mir. Die roten Kostbarkeiten zu verschlingen, ist offensichtlich Ausdruck der Verdrängung. Meine Problemlösungsstrategie Nr. 1.

Ich will nicht wieder in alte Muster verfallen. In 3 Wochen ist Silvester, da werde ich mit Sicherheit auch wieder konsumieren. Und danach fange ich an zu arbeiten. Das ist der Strohhalm, an den ich mich gerade klammere. Egal was kommt, egal wie das mit M. ausgeht und egal wie ich in den nächsten 3 Wochen mit alldem umgehe, danach kommt endlich der Rhytmus, nach dem ich mich sehne und der mir hoffentlich hilft, mich zu fokussieren und zu ordnen. Drückt mir die Daumen.

Namasté

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7 Gedanken zu “SelfRape

  1. Das ist für mich ekelhaft und traurig.
    Verstehen kann ich es aber, deshalb wünsche ich dir nur das Beste. Dazu fällt mir übrigens ein: Diese Vorsätze, wie „bis Silvester, und dann…“ sind meistens so garnicht hilfreich. Wenn du allerdings Lust auf Rausch hast, dann kann das keiner ändern.
    Wir sind alle hier um zu lernen, deshalb dürfen diese Dinge auch passieren. Das er dann nicht mehr geantwortet hat finde ich schade, sonst hätte man vielleicht noch ein bisschen Face to Face verarbeiten können.
    Du schaffst das trotzdem, kann jedem mal passieren.

    LG und viel Ruhe zum Ausruhen wünsche ich Dir.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für Deinen Kommentar und Deine Wünsche!

      Du hast Recht, solche Dinge dürfen und müssen scheinbar auch passieren, ich lebe nach dem Mottot: das Universum gibt einem immer genau die Aufgaben die man braucht, um zu wachsen.

      An einer Stelle hast du mich glaube ich missverstanden: M. ist mein Ex, mit dem ich noch befreundet bin, mit ihm konnte ich inzwischen reden und es ist alles gut zwischen uns. S., der 50Jährige, hat sich nicht mehr gemeldet seit ich ihm gesagt habe, dass ich mich komisch damit fühle. Vielleicht werde ich ihn in den nächsten tagen mal kontaktieren, denn auch da hast du Recht: Face to Face-Verarbeitung ist wichtig in solchen Situationen!

      Liebe!

      Gefällt 1 Person

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