Angst vor Gedanken

Mir ist vollkommen egal was andere über mich denken.

Wer hats nicht schonmal gehört. Die meisten haben es wahrscheinlich auch schon gesagt. Gäbe es nicht größere, würde ich beinahe behaupten, es ist die größte Lüge der Menschheitsgeschichte.

Ich möchte nicht bestreiten, dass es Individuen unter uns gibt, denen tatsächlich absolut schnurz ist, was andere Menschen über sie denken. Diese Eigenschaft würde ich dann aber fast schon als pathologisch ansehen. Ich erkläre auch gerne, warum.

Als der Mensch noch nicht die Erde überbevölkerte und in Stämmen lebte, war es maßgeblich für die Dynamik in der Gruppe, dass die Stammesmitglieder ein gutes Bild von ihm hatten. Jedes Mitglied hatte spezifische Aufgaben und Fähigkeiten, die dem Stamm zugute kamen. Wurde es nicht von den anderen geachtet, konnte das so weit gehen, dass es verstoßen oder gefressen wurde, verhungerte oder erfror, weil es nicht mehr auf den Schutz seines Stammes bauen konnte. Was andere Menschen oder von mir aus auch Prä-Menschen von einem dachten, war also überlebenswichtig. Die Gunst des Stammes und des Partners zu gewinnen, gehörte dazu. Das tut es heute noch.

Kleiner Zeitsprung. Nach der Industrialisierung wurden die westlichen Länder und ihre Bewohner reicher und reicher. Das reine Überleben wurde hintergründig. Was in den Vordergrund rückte, waren Status und seine Symbole. Man war reich und das wollte man auch zeigen.

Freilich zähle ich hier nur zwei kleine, wenn auch wichtige Aspekte auf, die meine Aussage untermauern. Bücher wurden über dieses Thema geschrieben und ich werde ihnen mit meinem kleinen bescheidenen Blogeintrag niemals gerecht werden und versuche das auch gar nicht.

Es ist eine Tatsache, dass das Gedankenmachen darüber, was andere Menschen von uns denken, in unserer Menschlichkeit verankert ist. Wir sind soziale Wesen und denken mittlerweile derart kompliziert und tiefgreifend, dass es für uns wichtig ist, einen Abgleich mit unseren Mitmenschen zu haben, um darüber gewahr sein zu können, ob wir normal sind oder nicht.

Wir sind die ersten Lebewesen, die sich Gedanken darüber machen, WIE sie sein möchten. Und Massenmedien und Großkonzerne haben sich das zu Nutzen gemacht. Täglich wird uns aus allen Ecken entgegengeschrien, wie wir sein zu wollen haben. Und wenn wir nicht so sind wie die große Masse, fühlen wir uns und werden wir ausgestoßen, entfremdet, missachtet.

Und dann kommen da so nette Menschen daher, ich nenne sie mal Weltfremde, zu denen ich mich auch zähle, und sagen dir, dass es dir egal sein sollte, was andere von dir denken. Das ist teilweise falsch, denn es ist gut und richtig, dass wir uns Gedanken um unsere Außenwirkung machen, speziell wenn es um die Wirkung auf Menschen in unserem direkten Dunstkreis geht.

Aber hier gibt es Grenzen. Die meisten Menschen in dieser Gesellschaft fragen sich permanent, wie das was sie sagen und tun auf andere wirkt und ob es die Wirkung erzeugt die sie möchten. Kaum eine Entscheidung wird aus dem tiefsten Innern getroffen, ohne zu bedenken, was eine Person, die Familie oder die Gesellschaft im Allgemeinen davon hält.

Die Angst vor den Gedanken anderer Menschen ist die mit seeeehr großem Abstand stärkste Fessel, die wir uns selbst anlegen und die uns daran hindert, uns selbst zu verwirklichen. Wie viele Dinge vermeiden wir obwohl wir sie wollen, oder tun wir obwohl wir das nicht wollen, nur um anderen Menschen zu gefallen?

Realitätsferne Schönheitsideale machen uns zu ängstlichen Neurotikern, die ihre eigenen Körper hassen und vergessen haben, welch Wunderwerke wir sind!
Ich habe meinen eigenen Körper gehasst. Ich war pummelig, nicht hübsch und sowieso war ich ja anders, was Grund genug war, so sehr gemobbt zu werden, dass ich Angst vor der Schule hatte und dachte, ich sei abnormal. Und noch heute leide ich unter diesen kleinen Ängsten: Hoffentlich sieht man meine Speckfältchen nicht! Oh, man sieht mein Doppelkinn, ich muss mich anders positionieren! Ich hielt meine Tasche grundsätzlich vor den Bauch, wenn ich saß und fühlte mich in der Öffentlichkeit total unwohl.

Allgemeingültige Erwartungen machen uns zu nervösen Marionetten einer entfremdeten Gesellschaft, die nicht mehr wissen was sie wollen, sondern nur noch sehen, was von ihnen gewollt wird.
Der hält mich jetzt bestimmt für eine Idiotin, wenn ich das sage. Ich werde mich vor meiner Familie rechtfertigen müssen, wenn ich das tue! Ich schreibe nur schlechte Noten in Mathe, ich bin ein Loser! Ich passe nicht in diese Gesellschaft, mein leben ist verloren!

Vor einiger Zeit erleuchtete mich die Erkenntnis, dass ich nicht der Nabel der Welt war. Den Leuten in der Bahn war es scheißegal, wie ich aussah. Sie hatten mich ein paar Minuten später eh wieder vergessen. Und selbst wenn sie mich für hässlich hielten und sich unwahrscheinlicherweise an mich erinnern würden: Na und!? Die Angst vor der Ablehnung anderer Menschen ist in den meisten Fällen vollkommen irrational. Die Gedanken Anderer können einem nichts, aber auch gar nichts anhaben!

Und was gesellschaftliche Erwartungen angeht, so ist es nicht schwer zu begreifen, dass dieses Bedürfnis danach, reinzupassen und einen Job zu finden den man 40 Jahre lang machen kann um auf den eigenen Sarg zu sparen, alles ist, nur nicht das eigene Verlangen.

Ich begann, mich selbst wo es nur ging daran zu erinnern. Als erstes habe ich mir abgewöhnt, beim Sitzen in der Bahn meine Tasche verkrampft vor meinen Bauch zu halten. Ich legte sie neben mich auf den Sitz oder auf die Beine und bemühte mich um eine lockere, offene Körperhaltung. Es dauerte etwas, aber es wirkte. Ich beobachtete die Menschen um mich herum, denen ich so egal war wie ein Sack Kartoffeln der auf dem Feld vergessen wurde.

Ich begann, meine damalige Arbeitslosigkeit nicht mehr als Zeichen für Minderwertigkeit zu sehen. Im Gegenteil, ich betrachtete es zunehmend als mutig und richtig, mich nicht in die Maschinerie aus erzwungener Arbeitsfähigkeit mit der Gefahr von Burnout und Depression ziehen zu lassen, sondern mich um meine Seele zu kümmern, bis ich bereit war, einen Job anzunehmen und durchzuziehen (ein Hoch darauf, dass ich in einem Staat geboren wurde, in dem das möglich ist!).

Ich hörte langsam aber stetig auf, mich für alles zu rechtfertigen was ich tue. Meine familie, und insbesondere meine Mutter, weiß mittlerweile alles über meine Drogenexzesse und generell über mein verkorkstes Leben und es ist vollkommen in Ordnung. Das liegt natürlich auch an der hohen Toleranzgrenze meiner Familie, andere sind da sicher nicht so locker. Und selbst wenn meine Familie mich verstoßen hätte: ich hätte sehr viel freier und unbeschwerter leben können als das was ich bin und nicht das was man von mir erwartet.

O

Inspiriert zu diesem Beitrag wurde ich von folgendem Youtuber, der sich mit Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzt. Ich finde seine Videos sehr informativ und lehrreich und vor allem das folgende hat es mir angetan:

 

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2 Gedanken zu “Angst vor Gedanken

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